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Sonntag, 11. März 2012

(Wieder-) Entdeckungen

Wenn man länger an einem Ort ist, dann fallen einem ja bestimmte Dinge nicht mehr auf. Man geht von A nach B routinemäßig auf ausgetretenen Pfaden, gehört im Supermarkt zum Stammpublikum, hat ein Lieblingsrestaurant und will sich oftmals einfach auch sonst wetter- oder zeitaufwandsbedingt (... altersbedingst spare ich absichtlich aus!) nicht mehr sooo weit von der Homebase wegbewegen.
Nix Neues. Weiß man. Will man vermeiden. Geht nicht. Oder nur begrenzt: indem man die Erinnerung aufwärmt. Genau aus diesem Grund habe ich vor 2 Jahren angefangen, meine Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen mit und in meiner neue Heimat Bruxelles an dieser Stelle festzuhalten: be bruxelles.... (by the way: je mehr Alzheimer-Reportagen ich sehe, desto sinnvoller finde ich dieses Niedergeschreibsel: später einfach ausdrucken und der Pflegekraft zum Vorlesen in die Hand drücken - nette Erinnerungen garantiert! ;-)).
Einer meiner ersten Bekanntschaften hier in BXL war mein siebzigjähriger Nachbar Sergio. Gestern rief er mich ganz aufgeregt an, um mitzuteilen, dass in unserer ersten Wohnung ein ein Brief für uns angekommen sei und fragte, ob er ihn weiterschicken solle. Nö, dachte ich, persönliche Abholung ist schöner.
War’s auch… ich musste dafür mit dem Rad quer durch die Stadt. Bei grau-regnerischem Wetter (okay: letztendlich: im Regen .. aber nur für kurz). Aber die Luft frühlingshaft und mit Vogelgezwitscher angereichert.

Und ich hab's echt genossen: all diese unterschiedlichen und sehr kontoversen Gegenden, die ich auf dieserStrecke durchradelt habe: das vertraute Ixelles, die schicke Avenue Louise, der eher downtoearth-Bereich von Ixelles mit Kinos & indischen Nightshops, dann sehr afrikanisch à Matonge, runter zum Fritten-Mekka Place Jordan, rauf zum Schuman/ Europaviertel, vorbei an der Moschee im Cinquantenaire und dann schließlich die nette Gegend rund um den Ambiorix (der für mich immer mit dem Ankommen in einem anderen Leben  verbunden sein wird).


Kurz: es hat mir einfach mal wieder bewusst gemacht, wie wahnsinnsschööööön es ist, hier zu leben/leben zu dürfen.

Und schließlich gab's zum Abschluss des Tages nach allen Wiederentdeckungen auch noch eine neue: das vietnamesische Resto KOI. Superlecker! Ich würde sogar sagen, das beste vietnamesische Essen, das ich außerhalb Vietnams gegessen habe ... und eine total nette Besitzerin, die sich sehr aufmerksam um ihre Gäste kümmert. Gerne mal wieder.

Dienstag, 21. Februar 2012

Aschermittwochsdavor

Bevor am Aschermittwoch alles vorbei ist, ist vorher ja alles meist etwas doller als sonst ... Warum? Naja, weil doch Karneval ist. Oder Fasching oder Fasnacht - zumindest in meinem Heimatgebiet (aber da habe ich das ja nicht wirklich gemocht... vivacolonia). Best of Karneval kombiniert mit Birthday meiner besseren Hällfte sind genau in dieser Zusammenstellung erst viel später in mein Leben getreten. Zum Glück... zumeist... gilt für beides ;-)
Aber zuück zum Thema: diese Mal gab der Kalender für diese Kombi die Idealstbedingungen her: Schmutziger Donnerstag in Brüssel (bei der Landesvertretung NRW - versteht sich), dann das Karnevalswochendende in Kölle und dann: Ausspannen von den dollen Tagen beim Überschreiten der Jahr(zehnt)esgrenze in einem Sauna-Wellness- Schlösschen unweit des Brüsseler Flughafens ... ohmmmmmm....gerne mal wieder: Thermae  Boetfort - obwohl ich dann schon gerne wissen würde, ob mich "floating" (50 min  rückenliegend/ im Wasser kreisend/ mit unterschiedlichfarbiger Beleuchtung) an eine pränatale Erfahrung ranführen soll oder der Ersatz für einen nicht-gemachten (langweiligen)LSD-Trip ist... aber ansonsten... jou! Sehr schön, sehr belgisch ;-)

... aber damit es dann morgen "deutsch" weitergehen kann, wurde noch ein Geburtstagskuchen  für's Büro gebacken... Kastenform war aus, es herrschte das Verteilungsprinzip (auf verschiedenste Förmchen)... und getreu dem Motto "Et hät noch imma jutjejange", hat's sogar geklappt. Bon. B.

Sonntag, 5. Februar 2012

Kiezkonzert

Das Phänomen der Gentrifizierung ist in allen großen Städten vorzufinden. So sammeln sich gemeinhin die Jüngeren und Gutverdienenden in den angesagten Stadteilen an, genießen den speziellen Flair des Viertels und drängen doch gleichzeitig die einstigen Bewohner in die Randbezirke zurück. War in meiner alten Heimat Berlin am Prenzlauer Berg quasi im Zeitraffer mitzuverfolgen - die Substituierung der Ost-Berliner-Eckkneipen durch Latte-Macchiato-Cafés, Asia-Restaurants oder Yoga-Studios ist legendär. Hier in Brüssel ist alles ein bisschen durchmischter, da sich die Stadt ja sowieso nicht als Gesamtzusammenhang, sondern als Ansammlung von 19 Gemeinden versteht. Dennoch gibt es sie hier natürlich auch: die Gegend, in der alles ein bisschen hipper und schicker und teurer ist ... oder zumindest sein will. Und wenn man in einer solchen Gegend dann an einem Samstagabend zufällig in einer Kneipe landet, die noch aus der Kiezvergangenheit stammt, dann hat man ganz kurz das Gefühl in eine Parallelwelt einzutauchen. Diese wird bewohnt von Paaren jenseits der 60, die sich gerade für 15 Euro ein 3-Gänge-Menü einverleibt haben und sich jetzt selig grinsend mit der Flasche Rotwein auf dem Tisch auf der Eckbank zurcklehnen und dem Konzert der Furious Four lauschen. Musik aus den 60ern steht auf dem Flyer. Ein paar wenige tanzen und mindestens drei Hunde laufen von Tisch zu Tisch und werden gehätschelt. Die Protagonisten selbst haben die 60er-Jahre wahrscheinlich schon Autofahrend erlebt. Rocken aber, was das Zeug hält. War super. Wir waren augenscheinlich die einzigen, die sonst nicht da sind, wurden aber mit Kopfnicken von allen Seiten anstandslos in die Kneipencommunity integriert. Nach ein paar Bier am Tresen, wurden wir von der Besitzerin zum nächsten Konzert am 3. März eingeladen. Ist eingetragen.Und dann ging's wieder raus ins richtige Leben .. oder einfach in die andere Parallelwelt?


Freitag, 13. Januar 2012

Rundumdenrundfunk


Puhh, jetzt wird's hier aber mal langsam Zeit für nen neuen Eintrag...
Also: Von der regelmäßigen Umrundung der Étangs d'Ixelles (also der Teiche/Weiher meines Wohnviertels Ixelles) habe ich ja schon im letzten Beitrag erzählt.
Aber neben der Wasserfläche hat dieser Teil Brüssels auch den Place Flagey und die sternförmige Straßenkonstruktion drumherum zu bieten... und da braucht man sich gar nicht so viel bewegen, sondern kann wunderbar verweilen. Im Café Belga zum Beispiel - retro-style, aber nicht bad-taste. Oder auf dem Platz selbst. Samstags ist Markt - und ob man sich dann da den Waffel-, Austern- oder Käsestand aussucht, bleibt da allein dem persönlichen Gusto überlassen. Oder die arabischen Bäckereien auf der Rue Malibran, mit authentischem Publikum. Oder die Kneipe Petit Pin, in die man sich auf jeden Fall setzten kann, um das Treiben auf der Kreuzung durch das riesige Eckfenster mit zu verfolgen… noch toller isses da mit Freunden … der Mittwochsrunde, klaro … aber das muss ich ja eigentlich nicht betonen ;-)
Noch was wirklich Schönes und Wissenswertes zum Schluss: Der Architekt des ehemaligen Gebäudes des belgischen Rundfunks, in dem sich heute das Café Belga und eine Konzert/Veranstaltungslocation befindet,  heißt Joseph Diongres (1878-1963). Er war Brüsseler, aufgewachsen im sozialschwachen Molenbeek/St Jean, und hat sich nach seinen architektonischen Highlights immer wieder um den sozialen Wohnungsbau in seinem Herkunftsviertel gekümmert. Er wollte was zurückgeben. Bis heute sind diese Gebäude bewohnt – bieten also Leuten Wohnraum, die mir diesem Brüsseler-Upperclass-Eurokrat-System nix zu tun haben. Weil ihn (wahrscheinlich?) wenige kennen, möchte ich ihm hier an dieser Stelle eine zufriedenstrahlende Gedenkminute einräumen!

Samstag, 18. Juni 2011

Stadterkundungen

Und es geht weiter mit dem "In-der-Stadt-unterwegs-sein".
Ich hatte die ganz wunderbare Möglichkeit an einem Seminar für Architekten, Stadt-  und Landschaftsplaner hier in Brüssel teilzunehmen (dass das Ganze noch einen gewerkschaftlichen Rahmen und Bezug hatte, war das Sahnehäubchen - Danke, Gloria!). In all ihren Details kann und will ich ich diese 4 Tage hier gar nicht wiedergeben (Schreib-bzw. Leseoverkill meiner- bzw. eurerseits) ... aber ein bisschen Reinschnuppern soll's dann schon sein.
Es ist ja schon irre, wenn man durch die "bekannte" Stadt läuft/fährt/schlendert und dabei "fremde" Infos zu Häusern/Statuen/Plätzen bekommt ... ist vielleicht wie einen synchronisierten Filme in der Originalfassung schauen: so vieles Neues & Kurioses, das man vorher nicht bemerkt hat. Dass Bruxelles viel Verstecktes bietet, habe ich ja schon hier oder hier berichtet, aber dennoch bin auch ich immer wieder überrascht, was das dann so alles ist:

Z.B. dass Hitler von den Leuten aus den Marollen  (ein traditionelles Arbeiter- und Einwandererviertel mitten im Innenstadtbezirk) 1945 symbolisch duch eine Art Schauspiel zu Grabe getragen wurde - eine Tafel erinnert noch heute daran:

Oder: dass es möglich ist, das komplizierte Mehrebenensystem der belgischen Politik (das heißt auch : der belgischen Lebensrealität, der belgischen Zuständigkeiten, des belgischen Aufeinanderverweisens,....) so systematisch auf eine DIN A4 Seite zu bringen (sieht fast überschaubar aus ;-)):



Oder: dass es in manchen Stadtteilen die Straßenschilder nicht nur zweisprachig, sondern dreisprachig gibt: französisch, flämisch und Gassendialekt:

Und: dass der unbekannte Graffitti-Künstler, der auch schon auf dem Gehweg vor meiner Wohnung seine filigranen "Tiere im Fall oder Schwebezustand" hinterließ, mittlerweile der bekannteste anonyme Sprayer von Brüssel  ist ... ich find's gut!

Samstag, 14. Mai 2011

Manneke-Zinneke-Pis

Die kleine pinkelnde Bronzefigur Manneken Pis ist als Wahrzeichen Brüssels weit über dessen Stadtgrenzen hinaus kannt. Nicht ganz so bekannt dürfte die Tradition sein, dass der kleine Wasserlasser seit 1698 in regelmäßigen Abständen kostümiert wird. Bei Länderspielen der belgischen Nationalmannschaft präsentiert er sich beispielsweise in deren Trikot. Und er sieht aus wie Elvis Presley oder Mozart, wenn sich deren Geburtstag jährt. Am Welt-Aids-Tag wird die Figur dann auch gerne mit Kondomen bestückt. Insgesamt soll es mehr als 500 verschiedene Kostüme geben. Leider ist es mir noch nicht gelungen einen verkleideten Manneken Pis zu fotografieren.

Aber dafür habe ich nach langer Suche in der letzten Woche das skurrile Gegenstück zum Manneken Pist wieder entdeckt. Darf ich vorstellen: Zinneke Pis. Er steht mitten im Gewirr kleiner Gässchen zwischen Bourse und St. Chaterine (Kreuzung der Rue des Chartreux mit der Rue du Vieux-Marché). Als Zinneke werden im Brüsseler Dialekt Straßenköter bezeichnet (die sich wohl früher immer in der Nähe des Kanals "Senne" herumgetrieben haben).
... ja, und weil auch hier gilt, dass Hund und Herchen sich gleichen, darf auch Zinneke das Beinchen heben und ist so wohl somit weltweit eine der wenigen Brunnenfiguren ohne Brunnen .... Sachen gibt's.



Samstag, 19. März 2011

Metro-Kunst I

Dass es sich bei Brüssel um eine Hochburg des Comic handelt ist erstens kein Geheimnis und zweitens habe ich hier ja auch schon darüber berichtet. Allerdings hatte ich vergessen zu erwähnen, dass bande dessinée oder bédé wie man es hier nennt, nicht nur in Buchläden, Ausstellungen oder auf Festivals präsent ist - nein, auch Metro-Stationen sind in dieser Stadt weniger ein Hort der Großflächen-Werbetafeln als vielmehr eine Präsentationsfäche für Comics und andere Kunstwerke.

Steht man beispielseise an der Endhaltestelle Stockel, kann man sich das Warten auf den nächsten Zug mit dem Betrachten eines 135 Meter langen Tim-und-Struppi-Abenteuers vertreiben. Da kann dann die STIB auch mal streiken oder sonstwie ausfallen - für Unterhaltung ist in der Zwischenzeit gesorgt (warscheinlich hat das dieses streikfreudige Völkchen so geplant - schließlich gibt es hier sogar ein Streik-Formular, das man im Falle des Falles seinem Arbeitgeber vorlegen kann, wenn man zu spät zur Arbeit kommt...).

Stockel ist nun sozusagen nur der Auftakt für einen kleine Reihe öffentlich-nahverkehrlicher Kunsthallen, die allemal einen Besuch wert sind. Und sich nochdazu selbst für einen verrgneten Small-Budget-Trip in diese Stadt anbieten. Manchmal braucht es nicht mehr als eine Fahkarte um kunstvoll glücklich zu sein.




Sonntag, 16. Januar 2011

Sonntagsausflug

Das Gemälde eines afrikanischen Künstlers, das sich in der Nähe des U-Bahnstation Porte de Namur an einer Häuserwand befindet (er hat es "Porte de Namur! - Porte de l'Amour?" genannt, dazu an anderer Stelle mehr), könnte den flüchtigen Betrachter meinen lassen, dass Namur mitten in Afrika liegt.

Tut es aber nicht.
Es liegt mitten im der Wallonie (also dem französisch sprechenden Teil Belgiens). Und es ist sogar die Hauptstadt dieser Region. Und es war heute unser Ausflugsziel (denn die Klimaerwärmung gibt es anscheinend doch: heute waren es gefühlte 20 Grad mit Sonne und himmelblau).

Und: Namur wurde von Napoleon der "Termitenhügel Europas" genannt.

Warum das denn jetzt schon wieder? Warum der Vergleich mit Termiten? Weil die „Soldaten“ harte und oft riesig vergrößerte Mundwerkzeuge oder nasenartige Stirnfortsätze mit Drüsenausführgängen hatten? Weil sich die arbeitende Schicht Namurs zu gleichen Teilen aus Männlein und Weiblein zusammensetzte? (...ja,ja, so fortschrittlich sind Termiten...)

Viel einfacher: der Hügel, auf dem sich die große Zitadelle mit Schloss befindet, beherbergt ein riesiges, unterirdisches Gängesystem. Über diese Kanäle wurde seinerzeit kommuniziert, verteidigt und Nahrung herbeigeschafft.


Und es ist das größte Europas. Bis hierhin hatte Napoleon schon recht. Der Vergleich mit den Termiten-Nestern hinkt allein an der Stelle, dass diese sogar Elefanten als Zufluchtsort dienen, nachdem die Termiten ausgezogen sind. Die konnte ich heute in der Zitadelle nicht entdecken. Schade, ein Elefant hätte den quasi tierisch-schönen Sonntagsausflug perfekt gemacht.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Streetview



Ich habe ja schon erwähnt, dass man hier in Brüssel in Winter getrost auf Waschmaschinen mit Sichtfenster, Fernsehprogramme und sonstige Visualreize versichten kann. Das Durchdiestraßenlaufen ist spannend genug. Jetzt wurde nochmals aufgerüstet. Kein Zeifel: Weihnachten kommt. Es gibt jetzt eine Sternstraße, eine Federboastraße, eine Lichterbogenstraße, einen Leuchtkettenbaum und einen Sternschnuppenbaum. Und alles lässt sich mit der richtigen Musik auf den Ohren (irgendwas Bombastisches, z.B. von Muse) zum allabendlichen Frischluft-Kopfkino umfunktionieren. Manifique!

Freitag, 27. August 2010

Storyteller



Manchmal sind Dinge beim bloßen Draufschauen tierisch langweilig. Oder nichtssagend. Oder irreführend. Zum Beispiel Satellitenfotos vom Mars. Oder königliche Gewächshäuser voller Geranien. Oder abgedeckte Tische auf einer Café-Terrasse.
Deshalb haben kluge Menschen (oder überirdische Kräfte) vor langerlanger Zeit das Geschichten erzählen erfunden. Heute wird es hauptsächlich dazu benutzt, Waren an den Mann und Schönheitsprodukte an die Frau zu bringen, Wahlen zu gewinnen oder sich selbst im Freundes-/naja, fast, eher Zuhörer-/kreis eine gewisse Stellung zu sichern.
Dabei ist "Geschichten erzählen" (Storytelling) mittlerweile eine "anerkannte Methode, mit der explizites, aber vor allem implizites Wissen in Form einer Metapher weitergegeben wird. Die Zuhörer werden dabei (auf irgendeine Art und Weise, Anm. d. Bloggerin) eingebunden und können so den Gehalt der Geschichte leichter verstehen und eigenständig mitdenken. Das soll bewirken, dass das zu vermittelnde Wissen besser verstanden und angenommen wird. Heute wird Storytelling neben der Unterhaltung durch Erzähler unter anderem auch in der Bildung, im Wissensmanagement und als Methode zur Problemlösung eingesetzt."
HA! Ich wusste doch irgendwie immer, dass es gar nicht sooo unnütz ist, sämtliches Halbwissen abzuspeichern und dann auf den Brüssel-Stadtrundgängen mit diversen Besuchern in Szene zu setzen. Auf den Foto oben ist beispielsweise die regengeschützte Außenbestuhlung der Café-Bar zu erkennen, die sich am Fuße des beeindruckenden Kunstberg Brüssels befindet. Die Deko dieser Bar besteht aus einer riesigen Alu-vergoldeten-knittrigen-Riesenplastik des belgischen Künstlers Arne Quinze - na, klingelt's? Nö? Also tat es bei meinen Stadtführungsopfern auch nicht (aber die waren ja auch aus Amerika). Zumindest erstmal, denn dann habe ich ergänzt, dass es sich bei diesem Künstler um den zweiten Ehemann von Boris Beckers Ex-Frau handelt. Na - jetzt? Dämmert's? Meinen Rundgeführten schon. Aus Dankbarkeit für all diese (unnötigen?) Infos haben sie mich auf einen Rotwein auf eben dieser Terrasse (mit einem sehr schönen Blick über Brüssel) eingeladen. Kaum hatten wir uns gesetzt und bestellt, fing es an zu regnen und um uns herum wurde abgebaut und abgedeckt ... I could tell you another story...

Samstag, 21. August 2010

Ice Bag

Der Sommer ist zurück. So richtig. Und mit ihm sommerliche Alltagsgegenstände aus der Rubrik "kauf es und es wird dir mehr nützen als schaden". Dinge also, die die Welt nicht braucht, aber der einzelne Erdenbürger schon. Z.B. der/die/das Ice Bag, womit der Besitzer einen Teil seiner Markteinkäufe tätigen kann.
Dabei kann und soll nicht unerwähnt bleiben, dass Brüssel aufgrund seiner Aufteilung in 19 Gemeinden über ein sehr reichhaltiges Angebot an Märkten verfügt. Man kann quasi jeden Tag in einem anderen Viertel auf Obst-, Gemüse-,Käse-, Wurst- und Wasweißichnochwas-Jagd gehen. Auf den meisten wird aber nicht nur geshoppt sondern auch gegessen und getrunken. Und der Belgier wäre kein Belgier, wenn er auf der Straße mit seinem Hang zur gehobenen Küche und teuren Lebensmitteln brechen würde. Deshalb werden an kleine Plastikstehtischen Austern, Schneckensuppe und auch das ein der andere Glas Champagner konsumiert - gesellschaftsschichtenübergreifend.
Wer einen Plastiktisch etwas entfernt der Bar ergattert hat und sich mit einem Glas des Schaumweins nicht zufrieden geben will - für den hat die Konsumgüterindustrie folgendes Teil gefertigt. Und wo Ice drauf steht ist auch Eis drin (das bekommt man dann beim Kauf dazu). Momentan gibt es diese Dinger hier für 7 Euro im Sommerschlussverkauf im Supermarkt... cool ;-)

Montag, 26. Juli 2010

Hunde 4



Ich habe schon lange nichts mehr über Hunde, Hundeschilder und deren Bedeutung geschrieben (Folge 1-3 siehe März-Archiv). Es gab einfach keine neuen mehr im Stadtgebiet.
Aber es gibt eine goldene Regel fürs Hundeschildergeschichtenschreiben (die man 1:1 auch auf alle anderen Lebensbereiche anwenden kann): Wenn nichts mehr weiter geht, muss man selbst weitergehen. Zum Beispiel an die belgische Küste (okay, das ist jetzt vielleicht nicht in allen Lebensbereichen sinnvoll...).
Egal. In meinem Falle war es richtig. Denn dort stand es dann unverhofft vor mir: das neue Hundeschild. Und ich habe viel über das Leben und das Meer gelernt, denn wie ich so auf das Schild schaue und dem Kreischen der Möwen lausche, wurde mir klar:
Die Gezeiten werden nicht nur durch die Gravitation des Mondes und der Sonne verursacht, sondern auch durch Hoch- und Nebensaison der belgischen Urlaubsgebiete. Der Strand ist da von November bis Februar und weg von März bis Oktober. Ein großes Naturspektakel - zumindest aus Sicht der Vierbeiner... da-weg-da-wieder weg... und das ein ganzes Hundeleben lang. Man bezeichnet dieses Phänomen auch als Gassi-Gezeiten.
Fazit: Reisen bildet - und Hundeschilder auch.

Montag, 12. Juli 2010

Congratulations!



Zu Beginn der Fußball-WM dachte ich, dass sich jetzt jedes Spiel anhört wie ein Formel-1-Rennen. Zwischendrin dachte ich, dass ich mich schon fast dran gewöhnt hätte. Zum Schluss dachte ich, dass ich diese dämlichen Tröten jetzt echt nicht mehr ertragen kann.
Und jetzt, einen Tag später kehrt sie in mein Leben zurück: die Vuvuzela.
Ich hatte sie schon längst vergessen. Nein, nicht die Krachmacher im Stadion, sondern das seltsame überdimensionierte Instrument in der Nähe des Gare du Midi hier in Brüssel. Aber heute bin ich quasi drübergestolpert. Und deshalb gibt es jetzt an dieser Stelle zum letzten Mal quasi eine veroptisierte Version des Fangetrötes...
... nicht für den neuen Weltmeister (denn der wurde ja schon gefeiert), sondern für meine Cousine Sabine (die ihren Geburtstag morgen feiert). An sie und an alle, die auch außerhalb des Spielfeldes den Ball sowohl flachhalten als auch präzise reinmachen können: Congratulations! ;-)

Donnerstag, 17. Juni 2010

Kurzurlaub

Heute war ich auf dem Markt in Molenbeek. In diesem Stadtteil von Brüssels leben besonders viele marokkanischer Einwanderer. Und sie leben nicht nur dort, sondern kaufen auch alle jeden Donnerstagvormittag auf dem Markt gleich bei der U-Bahn-Station "Comte de Flandre" ein. Und ich mache das auch seit ein paar Wochen. Mir gefällt dieses nordafrikanische Markttreiben total: Minzduft, arabische Verkaufsrufe, Oliven in allen Geschmacksrichtungen und egal, mit was man sich auf der U-Bahnfahrt noch beschäftigt hat, man ist von einem Moment auf den anderen plötzlich in einer komplett neuen Welt.
Heute wurde dieses Vergnügen durch eine polnische Freundin, die mich begleitete, und einen Italiener, der den Käsestand beherrschte, noch getoppt. Mit Händen und Füßen haben wir uns so lange verständigt, bis jeder den Preis des Käses in jeweils vier Sprachen wiederholen konnte. Schade, dass man auf diese Weise keine Grammatik lernt, denn dann könnte ich einfach den ganzen Tag einkaufen gehen und müsste nicht bis zum Sprachkurs-Test in der nächsten Woche fleißig lernen...

... dieses Bild respektive Straßenschild gehört zwar zu einem ganz anderen Stadtviertel, aber ich finde es passt irgendwie zu diesem Markt. Vor allem, weil ich mich jedes Mal, wenn ich daran vorbei laufe, frage, ob es sich bei der Carrosserie de l'Orient um eine Werkstatt für fliegende Teppiche handeln könnte??

Samstag, 29. Mai 2010

IKEA

Billy - noch so eine B-Konstante, die sich durch mein Leben zieht...
Nein: kein Mann, kein Pferd - richtig: das Regal.
In meiner Studenten-WG war's quasi noch ein Highend-Möbelstück. Alternativ zu übereinandergestapelten Weinkisten oder simplen Holz-Kellerregalen, die auch als Bücherregal taugten. In der Praktikumszeit dann sowas wie der Grundstein zur Schrankwand. Beim Zusammenziehen mit dem Partner sorgte Billy für Gesprächsstoff à la "Wer hat die bessere Farbe ausgesucht?" und "Wer hat mit welchen Hilfsmitteln aufgebaut?": Und selbstredend sorgte es gleich danach auch für Konfliktpotential: "Welches Billy bleibt?".
Nun also der Umzug ins Ausland. Müssen die Billys mit? Nein, schließlich ist man erwachsen und benötigt dieses Regal so wenig wie das Alete-Gläschen (nur um hier mal Wettbewerbsgleichheit herzustellen /nein, dies ist kein Werbeblog). Oder vielleicht doch mitnehmen? Denn schließlich kann man sie ja im Keller oder Abstellraum bestimmt gut gebrauchen.
Das Ende vom Lied: Sie stehen jetzt nach wie vor das Wohn- und Gästezimmer.
Letztes Wochenende sollte es dann kurz noch was Praktisches für neben den Schreibtisch sein ... "Hello Billy, nice to meet you in Belgium!". Aber so vertraut der Gang in den schwedischen Möbelladen dann auch war: EINEN Unterschied zum Rest der Welt gibt es in Brüssel IMMER: Waffeln! An der Stelle, bei der bei IKEA überal auf der Welt (wahrscheinlich) Hot-Dogs verkauft werden, gibt es für den belgischen Waffel-Junkie das das ersehnte Gebäckstück, präsentiert auf schwedischem Furnier ... einfach unglaublich ... aber das passt ja dann auch irgendwie zur Geschichte "Nie wieder Billy": beides ist für Menschen, die weder den Waffeln noch Billy verfallen sind, schwer nachvollziehbar...

Freitag, 28. Mai 2010

Dreifaltigkeit



... nur als kleiner Nachtrag, weil es mir am letzten - seeeehr sonnigen - Pfingstwochenende beim Blick auf die Trinidad-/Dreifaltigkeits-Kirche (also Vater-Sohn-Heiliger Geist - und nicht die Fußballmannschaft mit Tobago)eingefallen ist (also ehrlich gesagt wird das jetzt eine kleine Klugscheißrunde...): Pfingsten ist ja der Feiertag des Heiligen Geistes (also so wie Weihnachten für Jesus). Und das Pfingsten-Storyboard ist quasi die Beschreibung des Wunders, dass ab diesem Moment die Jünger, die in Jerusalem (das schon immer sehr international war) zusammengetroffen waren, plötzlich in sämtlichen Sprachen sprechen konnten und auch alles verstehen. Damit wurde aus christlicher Sicht die „Babylonische Sprachverwirrung“ aufgehoben, mit der Gott die Menschen für den Turmbau zu Babel bestraft hatte (somit: Koordinierung für einen neuen Bau: impossible).
Irgenwie finde ich, dass diese Geschichte zu Brüssel passt. Alle kommunizieren hier. Ständig. In sämtlichen Sprachen. Bestimmt nie perfekt - aber es gibt so einen Geist, der da über allem schwebt: das "on s'arrange" ("Man versteht sich/ man arrangiert sich/ man wird schon irgendwie parat kommen"). Ein - finde ich - sehr Brüssler/belgischer Umgang mit den Widersprüchlichleiten des Lebens. Pfingsten hier hat sich also die Sonne verdient!

Freitag, 30. April 2010

Surrealismus

Man könnte meinen, ich hätte das Schreiben eingestellt. Das ist nicht der Fall. Ich bin nur viel auf Möbelsuche und habe es deshalb etwas hinten angestellt. Aber eigentlich lassen sich diese beiden Sachen ja gut verbinden, denn wer in Brüssel nach Möbeln sucht, wird höchstwahrscheinlich immer auch im Quartier des Marolles landen und über die vielen Antiquitäten und skurilen Neuheiten staunen. Mindestens ebenso viele kuriose Geschichten scheinen sich über dieses Viertel erzählen zu lassen.

Ursprünglich außerhalb der Stadtmauern des mittelalterlichen Brüssels gelegen, war das Quartier des Marolles schon immer ein Ort derer, die nicht richtig dazu gehören - weil sie keine gesellschaftliche Stellung haben, aus einem anderen Land kommen oder schlicht zu schlecht verdienen. Eine Mischung, die zu kuriosen Produkten führt und führte. Da mag es nicht verwundern, dass hier beispielsweise die Legende gibt, René Magritte habe mit Künstlerkollegen in einer Kneipe im Quartier des Marolles, den Surrealismus begründet. In der Kunstgeschichte ist das offiziell so nicht vermerkt. Aber wer erfährt, dass diese Kneipe vor kurzem renoviert und weiß gestrichen wurde, um ihr gleich im Anschluss wieder einen nikotingelben Anstrich zu verleihen, damit alles wieder authentisch wirkt, der mag daran nicht gänzlich zweifeln.

Die Beschreibung des Surrealismus von André Breton (1924) passt für mich jedenfalls auf fast nichts so gut wie auf Brüssel : „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.“

Oder wie will man einen Elefant auf einem Dach(oder einer Dachterasse mit Ufos?), der nur aus dem Hinterhoffenster eines Möbelladens sichtbar ist, sonst gedanklich einordnen?

Freitag, 23. April 2010

Undercover

Wahrscheinlich kann man sich in Brüssel gar nicht auf den ersten Blick verlieben.
Warum?
Naja, man bräuchte dafür im originären Sinne des Wortes einen Blickkontakt. Den kann es aber erst mal nicht geben, denn in dieser Stadt ist vieles schlicht nicht gleich sichtbar. Geht man die Straßen entlang, fühlt man sich manchmal in die ausgehenden 70er/80er-Jahre zurückversetzt. Nicht in dem Sinne, dass es retro&hip wäre, sondern in dem, dass es leider alt&schäbbig ist.
ABER: wenn man dann hinter die Fassade schaut (und das hat sich ja im Leben und in der Liebe bisher noch nie als völlig überflüssig herausgestellt) dann befindet sich innen ein schickes Restaurant, ein Laden voller Köstlichkeiten oder ein Geschäft mit Stoffen, wie man sie aus Märchen zu kennen glaubt. Es liegen hier manchmal nur ein paar Schritte zwischen Müllbergen und zauberhaften Plätzen, zwischen Abrissbirne und beeindruckenden Jugendstil-Häusern, zwischen lieblos-vergammelt und liebevoll-gestaltet.

Und ich finde es aufregend herauszufinden, was jeweils die verborgene, schönere Seite ist. Deshalb habe ich mich bei folgendem Anblick gefragt, ob ich mir die Reise nach Andalusien im letzten Jahr hätte sparen können ;-)

Montag, 15. März 2010

Hunde 2



















Über das Kack-Verbot auf Brüssler Gehsteigen habe ich schon berichtet. Das mag jetzt den ein oder anderen Hundebesitzer auf die Palme getrieben haben, denn schließlich ist ein Hund auch nur ein Mensch und muss eben auch mal müssen dürfen und können. Und wenn das alles in einer Stadt wie Brüssel nicht erlaubt ist, ja, dann bleibt der erzürnte Hundebesitzer eben wo er ist und nach Brüssel sollen sich die abgehalfterten Landespolitiker verpissen (oder eben, um in diesem Beispiel zu bleiben, auch nicht).

In der Tradition der Völkerverständigung und der Aufklärung zugleich muss ich an dieser Stelle klarstellen: keine Aufregung! Alles nicht so schlimm! Auch das Töpfchengehen des besten Freundes des Menschen in der Öffentlichkeit ist hier in der europäischen Hauptstadt kein Problem. Man - respektive Hund - muss nur wissen wo und wie.

Wer jetzt erwartet, dass ich einen Gassiplan mit Austrittsecken darbiete - weit gefehlt. Die Systematik folgt wie immer dem schönen Brüssler Grundsatzt: es gibt Regeln, keiner weiß wie sie lauten, aber alle halten sich dran. Vielleicht kann man sich vereinfachend merken, dass die Hundetoiletten aussehen wie deutsche Spielplätze - nur sauberer ;-)

Pyramiden
















Als ich am ersten Abend hier in Brüssel vom kleinen Balkon am Schlafzimmer über die Dächer Brüssels schaute, sind sie mir gleich ins Auge gestochen: die drei Pyramiden. Ich war fasziniert. Zwar wusste ich, dass der Orient hier in der Stadt durch Menschen, Restaurants und Lebensart durchaus vertreten ist, aber dass er hier auch architektonisch in dieser speziellen Form seinen Ausdruck findet, war mir neu. Was konnte das bedeuten?

These 1: Der Brüssler - ein Verschwörungstheoretiker? Nicht, dass ich mich schon umfassend mit dieser mit dieser Materie beschäftigt hätte, aber natürlich habe ich vor Jahren den Film "23" gesehen (den ich an dieser Stelle allen, die ihn noch nicht kennen, ans Herz legen möchte). Und natürlich habe ich Dan Browns Bestseller "Sakrileg" gelesen (kann man, muss man nicht). Und natürlich liegt da der Schluss nahe, auch diese Pyramiden könnte ein Machwerk der Illuminatoren sein.

These 2: Der Brüssler - ein Vergnügungsjunkie? Als Vorbild aller Vergnügungsschtigen muss bei jedem Versuch, alles Bestehende zu toppen, Las Vegas herhalten. Die Stadt mitten in der Wüste bietet alles, was dort so überhaupt nicht hingehört und ist eine surreale Vedichtung von Traum und Alptraum einer künstlichen, etwas runtergekommenen Glitzerwelt (um so kurioser scheint es da zu sein, dass unsere deutsch, bodenständige Sportlegende Steffi Graf diese Gegend zu ihrer Wahlheimat erklärt hat). Dort, am südlichen Ende des Stips befindet sich das Luxor - ein Vegnügungstempel der den drei giganischen Frittenbuden in Brüssel als Vorbild gedient haben könnte?

These 3: Alles ganz anders?
Tja, war ja irgendwie schon klar: der Brüssler ist weder Illuminator noch andersweitig größenwahnsinnig. Bei den drei Pyramiden handelt es sich um die ehemalige "Caserne Prince Baudouin", die Anfang er 90er zu einem Geschäfts- und Wohnkomplexx umgebaut wurde Kasernen. Aber bei Nacht sehen die Dächer trotzdem wie Pyramiden aus!