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Freitag, 23. November 2012

Geschichtenherbst-mit-Schuss

Dunkle Abende und Nieselwetter sind das klassische Setting um ein Buch zu lesen. Aber man muss ja auch nicht immer alles selber machen. Das hat sich das Wien Haus auch gedacht und diese Woche zu einer Lesung mit Robert Menasse eingeladen. Naja, besser gesagt zu einer Erzählung, denn vorgelesen hat er dann nichts, der zigfach ausgezeichnete, schriftstellende Wiener. Aber erzählt hat er: über seinen aktuellen Essay "Der europäische Landbote", über den Euro, über den Frieden, über die Österreicher, über die Regionen Europas, ... gut war's, sehr unterhaltsam, sehr wortwitzig. Aber lesen muss man's halt noch ... sollte machbar sein, denn: das Buch ist kurz und der Winter lang...
... und das beste am Erzählen ist, das es meist zu einem Weitererzählen und nicht selten zu einem Noch- einen-drauf-erzählen wird. So habe ich meine Lieblingsequenzen des Abends ("Ich habe mich immer meiner Zeitgenossenschaft zugehörig gefühlt." "So unreguliert wie der Euro wurde vorher nur die Kauri-Muschel als Zahlungsmittel eingeführt" ... etc.) an meine San Francisco-Connection weiterkommuniziert. Der fand's witzig und belohnete mich mit einem Beitrag zur Sammlung "Worauf Sie in eder small-talk-Konversation zurückgreifen können" - oder hätte der gemeine Leser dieses Blogs gewusst, dass man sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten am Thanks-giving-Morgen einen Eierlikör in den Kaffee kippt? Wahrscheinlich das man den Truthanzubereitungsmarathon (Frau) und den Familienoverkill (Mann) einigermaßen easy-going übersteht .... ich schätze es gibt in den USA soviele Thanks-giving-Realsatieren wie bei uns Weihnachtfernsehfilme (die immer mit Schnapsgelagere, zerstörtem Weihnachtsbaum und tränenaufgelöster Schwiegermutter, die eigentlich doch ganz nett ist, enden) ...
Hollywood ganz nah sozusagen.
Das spürt ... ähmm sieht... man hier in Brüssel, wenn man von der Brüstung vor dem Justizpalast in die Weite schaut (jaja, das Foto ist nicht soo toll, aber einfach mal auf das große schwarze Dach konzentrieren). Und heute soll da auch ganz in der Nähe Nicole Kidman rumgeschwirrt sein... auf High-heels durch die Altstadt, um einen Grace-Kelly -Film zu drehen - das sagte zumindest der Radiomoderator heute morgen. Hoffentlich haben die hübschen Beinchen das überlebt ... Absätze tragen ist ja hier eher ein Hochseilakkt denn ein Sonntagsspaziergang.
So, und wie kam ich jetzt gleich und schon wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen?
Achja, Menasse.
Den Titel seines Essays hat er übrigens angeleht an das Pamphlet "Der Hessische Landbote" von Georg Büchner (und Ludwig Weidig), in dem er 1834 die sozialen Missstände der Zeit anprangerte .... Was für Auswirkungen das noch Jahrhunderte später haben kann, zzz.

Samstag, 18. Juni 2011

Stadterkundungen

Und es geht weiter mit dem "In-der-Stadt-unterwegs-sein".
Ich hatte die ganz wunderbare Möglichkeit an einem Seminar für Architekten, Stadt-  und Landschaftsplaner hier in Brüssel teilzunehmen (dass das Ganze noch einen gewerkschaftlichen Rahmen und Bezug hatte, war das Sahnehäubchen - Danke, Gloria!). In all ihren Details kann und will ich ich diese 4 Tage hier gar nicht wiedergeben (Schreib-bzw. Leseoverkill meiner- bzw. eurerseits) ... aber ein bisschen Reinschnuppern soll's dann schon sein.
Es ist ja schon irre, wenn man durch die "bekannte" Stadt läuft/fährt/schlendert und dabei "fremde" Infos zu Häusern/Statuen/Plätzen bekommt ... ist vielleicht wie einen synchronisierten Filme in der Originalfassung schauen: so vieles Neues & Kurioses, das man vorher nicht bemerkt hat. Dass Bruxelles viel Verstecktes bietet, habe ich ja schon hier oder hier berichtet, aber dennoch bin auch ich immer wieder überrascht, was das dann so alles ist:

Z.B. dass Hitler von den Leuten aus den Marollen  (ein traditionelles Arbeiter- und Einwandererviertel mitten im Innenstadtbezirk) 1945 symbolisch duch eine Art Schauspiel zu Grabe getragen wurde - eine Tafel erinnert noch heute daran:

Oder: dass es möglich ist, das komplizierte Mehrebenensystem der belgischen Politik (das heißt auch : der belgischen Lebensrealität, der belgischen Zuständigkeiten, des belgischen Aufeinanderverweisens,....) so systematisch auf eine DIN A4 Seite zu bringen (sieht fast überschaubar aus ;-)):



Oder: dass es in manchen Stadtteilen die Straßenschilder nicht nur zweisprachig, sondern dreisprachig gibt: französisch, flämisch und Gassendialekt:

Und: dass der unbekannte Graffitti-Künstler, der auch schon auf dem Gehweg vor meiner Wohnung seine filigranen "Tiere im Fall oder Schwebezustand" hinterließ, mittlerweile der bekannteste anonyme Sprayer von Brüssel  ist ... ich find's gut!

Freitag, 20. Mai 2011

Brüssel-Sound

Am tollsten ist es ja wirklich, wenn ich in Anlehnung an die diversen Brüssel-Posts hier in diesem Blog richtige Post bekomme.
So geschehen diese Woche.
Natürlich was mit B.
BELGOTRONICS.
Das erste Album des (Wahl-) des Brüsseler Trios (spricht man wie “OK” aus ... jaja, der fancophone Buchstabenverschwender ist wieder unterwegs...). Großartig! Mit englischen, französischen und flämischen Texten und selbstgebauten Instrumenten (bestehend aus Brettern, Blechdosen, Bindfäden und anderen weggeworfenen Materialien) besingen sie die Alltäglichkeiten sowie die Besonderheiten Belgistans. Vielleicht könnte ich sie ja bitten, einige Texte dieses Blogs zu vertonen ;-) Ihre punk/funk-Richtung gefällt mir jedenfalls supergut.
 
Und das beste: auf ihrer Homepage habe ich entdeckt, dass sie im Rahmen der "fête de la musique" am 19. Juni hier in Brüssel spielen ... in meiner Nachbarschaft. Schon fest im Kalender eingetragen.

Danke, Micha! Belgiskanesk to the fullest.

Montag, 15. November 2010

Glückspilz



Nach tagelangem Regen sprießen hier die GLUCKs-PILSe aus dem Boden.
Ein GLÜCKSPILZ dagegen, wer sich 'nen schönen Wein gönnen kann...

Freitag, 28. Mai 2010

Dreifaltigkeit



... nur als kleiner Nachtrag, weil es mir am letzten - seeeehr sonnigen - Pfingstwochenende beim Blick auf die Trinidad-/Dreifaltigkeits-Kirche (also Vater-Sohn-Heiliger Geist - und nicht die Fußballmannschaft mit Tobago)eingefallen ist (also ehrlich gesagt wird das jetzt eine kleine Klugscheißrunde...): Pfingsten ist ja der Feiertag des Heiligen Geistes (also so wie Weihnachten für Jesus). Und das Pfingsten-Storyboard ist quasi die Beschreibung des Wunders, dass ab diesem Moment die Jünger, die in Jerusalem (das schon immer sehr international war) zusammengetroffen waren, plötzlich in sämtlichen Sprachen sprechen konnten und auch alles verstehen. Damit wurde aus christlicher Sicht die „Babylonische Sprachverwirrung“ aufgehoben, mit der Gott die Menschen für den Turmbau zu Babel bestraft hatte (somit: Koordinierung für einen neuen Bau: impossible).
Irgenwie finde ich, dass diese Geschichte zu Brüssel passt. Alle kommunizieren hier. Ständig. In sämtlichen Sprachen. Bestimmt nie perfekt - aber es gibt so einen Geist, der da über allem schwebt: das "on s'arrange" ("Man versteht sich/ man arrangiert sich/ man wird schon irgendwie parat kommen"). Ein - finde ich - sehr Brüssler/belgischer Umgang mit den Widersprüchlichleiten des Lebens. Pfingsten hier hat sich also die Sonne verdient!

Mittwoch, 12. Mai 2010

Nachbarschaftshilfe

Ich stand vor ein paar Tagen vor dem Problem, dass ich einen Ämtergang machen musste. Das bedeutete aber leider auch, dass ich in der Lage sein sollte, mich auf französisch oder flämisch auszudrücken. Ich spreche aber nur deutsch und englisch ämtergerecht. Man sagte mir auf dem Amt, dass ich am besten jemanden mitbringe, der übersetzen kann.
Hmm... Mir fiel dann nur der Nachbar ein, mit dem ich mich im Aufzug schon auf deutsch unterhalten hatte. Ich klingelte und schilderte ihm mein Anliegen und werde ihn im folgenden Signore S. nennen. Er war sofort bereit mich zu begleiten. Wir machten uns also auf den Weg und bevor wir bei der Metro-Station waren, hatte ich schon sämtlichen Geschichten aus dem Leben des reiselustigen, etwa 70jährigen Übersetzters italienischer Abstammung gehört.
Unser Ämtergang war nur halb erfolgreich - ich sollte ein weiteres Mal vorbei kommen. Kleines Problem: der Urlaub von Signore S. begann am Tag darauf. Da er nicht wollte, dass ich mich hier in seiner Stadt "einsam und verlassen" fühle, hat er den Kontakt zu seiner besten Freundin hergestellt, die er vor 40 Jahren bei seiner Ankunft in Brüssel kennengelernt hat und die der Stadt ebenso verfallen ist, wie er (und ich).
Auch Madame K. war sofort bereit, mich zu begleiten. Ich traf sie Blind-Date-mäßig in der Metro-Station und besuchte mit ihr zunächst das Amt, dann das Café. C'est la vie ici. Und hörte so viele liebevolle Geschichten über das Land und die Leute, dass auch der Regen draußen keine Rolle mehr spielte.
Behördenmäßig bin ich hier mittlerweile also auf jeden Fall registriert: als die Deutsche mit den nettesten und kümmerigsten Bekannten, die sich als Ausländer hier seit Jahrzehnten so aufgenommen fühlen, dass sie das weitergeben wollen. Cool.
Heute Morgen bekam ich von Signore S. eine sms aus dem Urlaub: ob denn alles gut gelaufen wäre ... hach, wie schön ist es doch Nachbarn zu haben! Dafür gibt es Blumen!

Freitag, 30. April 2010

Sprachschwierigkeiten

In Belgien ist die Regierung zusammengebrochen. Genauso gut könnte man wahrscheinlich mittlerweile feststellen: Im Winter ist es kälter als im Sommer. Nichts Überraschendes also. Etwas, das in aller Regelmäßigkeit passiert. Etwas, das nicht schön ist, aber auch nicht im Entferntesten lebensbedrohlich.

Auslöser für die aktuelle Krise ist im Grunde wie immer ein Streit zwischen den Flamen und den Wallonen. In diesem Falle geht es um das Wahlrecht im Wahlkreis BHV (= Brussels-Halle-Vilvoorde). Dieser entspricht nicht der generellen Aufteilung Belgiens in flämisches, wallonisches und Brüssler Gebiet. Der BHV ist regionenübergreifend. Zu ihm zählen die zweisprachige Region Brüssel-Hauptstadt und über 30 flämische Kommunen. Das bedeutet dann zum Beispiel, dass frankophone Parteien (bei Europa- oder Parlamentswahlen) Stimmen von Wählern in Flandern bekommen können, während das andersrum nicht möglich ist. Und es bedeutet, dass französisch sprchende Brüssler in den Außenbezirken sprachliche Sonderrechte in einigen Gemeinden Flanderns genießen, beispielsweise im Schulbereich. Und das führt und führte seit Jahren zu Streit, zu Abspanltungsbewegungen

Ich will dieses sehr koplexe Thema an dieser Stelle gar nicht weiter aufdröseln - nur feststellen, dass ich den Sprachmischmasch hier im Alltag als etwas sehr Hilfreiches und Schönes empfinde. Irgendwie versteht man sich immer. Kann kommunizieren. Meist in Sprachversatzstücken. Aber mit Ergebnissen.
Das befriedigt keine National- (oder diesem Falle Regional-)interessen. Ist mir klar. Aber kann und muss das das einzige Ziel sein? Ist Belgien nicht vielleicht ein Präzedenzfall euröpäischer Entwicklungen? So sieht es auch der Soziologe und Philosoph Geert Van Istendael und formulierte: "L'Europe sera belge ou ne sera pas" - Europa wird belgisch werden oder untergehen. Mit ersterem könnte ich gut leben.

Samstag, 24. April 2010

Drogenbos

Verbrecher müsste man sein in Brüssel.
Oder Polizist.
Beide scheinen hier ein relativ angenehmes Arbeitsleben zu führen.
Die ersteren, weil sie es - vermutlich durch den Handel mit illegalen Rauschmitteln - scheinbar zu einem stattlichen Anwesen gebracht haben und in einem Château wohnen.
Und die zweite Gruppe kann zur Verbrechensbekämpfung einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln direkt zum Einsatzort fahren. Wie praktisch:



Naja, okay: natürlich handelt es sich bei Drogenbos Château nicht um eine rechtswidrige Behausung, sondern um das Schloss der Gemeinde Drogenbos in der Nähe von Brüssel. Selbiges dient dem Bügergmeister dort als Verwaltungssitz. Hat alles also seine Ordnung in Flämisch-Brabant. Recherchiert man nun aber weiter, dann komt man ganz schnell darauf, dass der Bürgermeister Alexis Calmeyn in Klammern als "Drogenbos Plus" bezeichnet wird ... Stoff genug für einen Brüssel-Krimi, meine ich.