Montag, 18. April 2011

Eisheilige

 
Gibt ja immer wieder Dinge, die macht man zum ersten Mal. Im letzten Jahr waren das bei mir ganz schön viele: Marktschampus trinken, Plätzchen backen, Grissinis rollen, Supermarkt yogen, Zeitreise machen ...
Und jetzt auch noch: Balkon begrünen. (Isch atte vorär kein'än.)
Hmm, sollte schön aussehen und blühen und grünen und Früchte abwerfen (die ich dann in der nächsten Aktion der Reihe "noch-nie-gemacht" einmache, vermarmelade oder sonstwas) - so der Vorsatz. Also habe ich unter anderem Tomaten und Zucchini gekauft. Erstere liebe ich ohne Ende. Und die anderen sollen schön blühen.
Heute beim Einpflanzen kam mir dann der Satz meiner Oma "Die kalte Sophie macht alles hie." in den Sinn. Und da habe ich mich (auch zum ersten Mal in meinem Leben) gefragt: Wann kommt denn bitte die kalte Sophie? Und gib es die Eisheiligen, zu denen die Sophie zählt, überhaupt in Belgien?
 1. Sie kommt am 15 Mai, ihrem Namenstag, wie alle anderen Eisheiligen auch (Mamertus am 11. Mai, Pankratius am 12. Mai, Servatius am 13. Mai, Bonifatius am 14. Mai und eben abschließend Sophie am 15. Mai)
2. Ja, es gibt sie im französischen  Sprachraum auch, die Saints de glace. Allerdings ohne Sophie. Denn hier gilt die Abfolge: Mamertus am 11. Mai, Pankratius am 12. Mai, Servatius am 13. Mai, Bonifatius am 14. Mai, Yves am 19. Mai und Bernardin am 20. Mai.
Die letzten beiden sind wohl den rauen klimatischen Bedingung der Bretagne geschuldet, wo das ein oder andere Atlantiktief schon Existenzen zerstört haben muss ("Craignez le petit Yvonnet, c'est le pire de tous quand il s'y met" - Fürchtet den kleinen Yves, denn er bedeutet das Schlimmste für alle, die er trifft).
Und obwohl ich stark davon augehe, dass die milde Brüssel-Lage mich vor einem Tomaten-Zucchini-Desaster bewahren würde, hole ich sie trotzdem rein, die zarten Pflänzchen .... muss ja nicht alles zum ersten Mal im Leben erleben.

Mittwoch, 13. April 2011

Stilles Örtchen

So ein stilles Örtchen ist ja per se still.
Manchmal aber auch ganz schön aussagekräftig.
Versteht man allerdings nicht immer sofort. 
Zum Beispiel wenn man vor der Toilettentür des Brüssler Restaurants Belgo Belge steht. Da fragt man sich (beim ersten Mal, versteht sich), warum der Toilettengang für die holde Weiblichkeit das reinste Vergnüngen zu werden scheint, während die männlichen Artgenossen  sich offensichtlich eher auf eine Enttäuschung einstellen müssen. Könnte zehnlagiges Frühlings- dufttoilettenpapier (oder eben keines) der Grund dafür sein? Oder vielleicht sind die Piktogramme auch einfach nur ein Hinweis darauf, dass das Frauen WC funktioniert, während das Männer WC vorrübergehend geschlossen ist....


Die Erklärung ist viel einfacher... ähmm, ich meine natürlich: viel absurder...
Anscheinend hält sich auch in Brüssel hartnäcklig das Gerücht, dass Mädels immer nur zu zweit auf Klo gehen. Und so hat sich der Innenarchitekt des Belgo Beges gedacht: okay, dann passen wir die Toilettenausstattung mal den Bedürfnissen unserer Gäste an ... voilà: das Doppeldamenklo!


Warum die Frauen-Piktogramme angesichts dieses Eingriffs in die Privatsphäre so fröhlich dreinschaun, ist mir zwar nach wie vor ein Rätsel. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Und worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.... handelt sich ja schließlich auch um ein stilles Örtchen.

Sonntag, 3. April 2011

Pommesmuscheln

Dass es sich bei Moules frites nicht um frittierte Muscheln, sondern um das belgische Nationalgericht Muscheln mit Fritten handelt ist den geneigten Blog-Lesern schon seit diesem Beitrag im letzten Jahr bekannt. Darin erwähnt wurde auch das Phänomen, dass die Belgier für die Zubereitung ihres Leib- und Magengerichtes tonnenweise die besten Muscheln der holländischen Küste importieren.
Gestern, beim ersten sonnig-warmen Küsten-Ausflug des Jahres, habe ich mich allerdings gefragt, warum die Belgier für die Moules frites nicht einfach die Pommes-Muscheln benutzen, die tausendfach am Strand rumliegen.
Wäre doch viel praktischer. Man könnte dann zum Beispiel stäbchenförmige Muscheln mit ebensolchen Pommes viel leichter in eine Take-away-box packen. Oder das ganze auf schicken, eckigen Tellern avangardistisch anrichten. Oder bei Langeweile am Essenstisch ne Runde Mikado spielen ... nein, natürlich soll man ausdrücklich nicht mit Essen spielen, nur mit den übrig gebliebenen Schalen.


Der Belgier ist zum Glück nicht so praktisch veranlagt. Sondern orientiert sich am Geschmack. Und so befindet sich weiterhin die leckere Miesmuschel in den Töpfen und auf den Tellern, während die amerikanische Schwert- oder Scheidenmuschel (lat. Ensis directus) am Strad liegen bleibt.
Bei der Schwertmuschel handelt es sich übrigens um eine Neu-Belgierin mit Migrationshintergrund. Ursprünglich kam sie nur an der amerikanischen Ostküste vor, bis sie 1979 vermutlich durch Larven im Ballastwasser von Schiffen bis in die deutsche Bucht transportiert wurde. Heute bevölkert sie massenhaft europäische Gewässer: von der südlichen Nordseeküste Norwegens bis an die englische und französische Kanalküste gibt's jetzt überall Pommesmuscheln.

Mittwoch, 30. März 2011

Weltrekord

So, jetzt ist es also soweit: Belgien ist Weltmeister!
290 Tage ohne Regierung - und noch ist kein Ende in Sicht. Der Irak mit 289 Tagen wird damit absehbar auf der Strecke bleiben. Es ist eine absurde politische, nicht-regierte Situation mitten in Europa.
Gegen die Teilungsabsichen setzten sich hier öffentlich vor allem die jungen Leute ein. Frittenrevolution nennen sie das. Schließlich sind die Fritten hier eine Art Nationalsymbol. Eine Sache, auf die sich alle Belgier einigen können. Fritten werden abgöttisch geliebt und nur ungern geteilt. Wenn, dann für den guten Zwek - so zum Beispiel gestern im Rahmen der Kundgebungen. Die jungen Frites-Belgier aus allen Landesteilen haben dabei eindeutig klar gemacht, dass ihnen dieser Weltrekord nicht gefällt und dass sie von den Politikern endlich eine konstruktive Lösung erwarten. Für ein gemeinsames Belgien! Für die Fritten!





Sonntag, 27. März 2011

Hunde 5

Knapp ein Jahr ist es jetzt her, dass ich nach Belgien gezogen bin. Gefällt mir nach wie vor sehr hier- auch weil ich immer wieder auf neue Alltagsabsurditäten stoße. Der März scheint in meinem persönlichen Jahresablauf der Hundemonat zu sein (obwohl man astrolgisch eher mit Fischen oder Widdern rechnen würde) ... und so habe ich heute (bei einem Ausflug nach Gent) wie schon vor einem Jahr ein Hunde-Kackverbot-Schild entdeckt:



...langsam dämmert mir, warum die Flamen wirtschaflich so viel besser da stehen als der wallonische Landesteil. Ja, manchmal liegt es extrem nahe, aus Sch... Gold zu machen.

Dienstag, 22. März 2011

Kanaldeckel

Ich bin nicht im Mindesten dafür bekannt, unter Verfolgungwahn zu leiden. Und ich kennen natürlich auch keine Personen, die von sowas besessen sind/ sein könnten/ ....naja, zumindest mal in Verdacht geraten. 
Aber der klappernde Kanaldeckel direkt vor dem Schafzimmerfenster nervte schon....
Ich hatte (sehr deutsch wahrscheinlich) meine Vermieterin beauftragt, doch mal rauszufinden, wer in der Commune (quasi: im Bezirksamt) für die Behebung solcher Unpässlichkeiten zuständig sei. Dann könne ich doch mit meinem mittlerweile passablen Französisch quasi die Erin Brockovich unserer Straße werden und für das Grundrecht auf "Ruhe vor Konstruktionsfehlern" kämpfen.
Sie (okay: Juristin - aber sehr nett) wiederum bat mich, von der Situation Fotos zu machen. Ich dachte: okay, aber: wenn schon, denn schon! Hier: Ton & Bild zu plong-plong (or how would you describe that sound?)



Stolz auf meine Zuarbeit und in Erwartung meiner Brockovich-Karriere, zog ich mich ertmal in den von der Straße abgewandten Wohnungsteil zurück (isse sonniger ;-)).
Zufällig (oder durch minutenlange Stille gerieben?) habe ich etwas später wieder Richtung Kanaldeckel geschaut .... wow! workinprocess! Da passierte was. Ziemlich belgisch zwar (oder wer sonst befestigt klappernde Gully-Deckel mit Holzabschnitten? Über die Anzahl der Arbeitszuschauer schweige ich...), aber: seitdem herrscht Stille!
Bonne nuit!




Samstag, 19. März 2011

Metro-Kunst I

Dass es sich bei Brüssel um eine Hochburg des Comic handelt ist erstens kein Geheimnis und zweitens habe ich hier ja auch schon darüber berichtet. Allerdings hatte ich vergessen zu erwähnen, dass bande dessinée oder bédé wie man es hier nennt, nicht nur in Buchläden, Ausstellungen oder auf Festivals präsent ist - nein, auch Metro-Stationen sind in dieser Stadt weniger ein Hort der Großflächen-Werbetafeln als vielmehr eine Präsentationsfäche für Comics und andere Kunstwerke.

Steht man beispielseise an der Endhaltestelle Stockel, kann man sich das Warten auf den nächsten Zug mit dem Betrachten eines 135 Meter langen Tim-und-Struppi-Abenteuers vertreiben. Da kann dann die STIB auch mal streiken oder sonstwie ausfallen - für Unterhaltung ist in der Zwischenzeit gesorgt (warscheinlich hat das dieses streikfreudige Völkchen so geplant - schließlich gibt es hier sogar ein Streik-Formular, das man im Falle des Falles seinem Arbeitgeber vorlegen kann, wenn man zu spät zur Arbeit kommt...).

Stockel ist nun sozusagen nur der Auftakt für einen kleine Reihe öffentlich-nahverkehrlicher Kunsthallen, die allemal einen Besuch wert sind. Und sich nochdazu selbst für einen verrgneten Small-Budget-Trip in diese Stadt anbieten. Manchmal braucht es nicht mehr als eine Fahkarte um kunstvoll glücklich zu sein.